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Familienprobleme

Eine Mutter erzählt: Wenn das Mutterglück sich nach der Geburt nicht einstellen will

Postpartale Depression: Überforderung statt Mutterglück Ein Baby bekommen und Mutter werden, das stellen sich die meisten Frauen als das größte […]

Postpartale Depression: Wenn das Mutterglück sich nach der Geburt nicht einstellen will

Postpartale Depression: Wenn das Mutterglück sich nach der Geburt nicht einstellen will

Postpartale Depression: Überforderung statt Mutterglück

Ein Baby bekommen und Mutter werden, das stellen sich die meisten Frauen als das größte Glück vor. Leider erleben manche Frauen das Mutterwerden und Muttersein ganz anders. Sie können sich nicht mit der Rolle als Mutter identifizieren. Sie fühlen sich verzweifelt, überfordert und traurig. Eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen, fällt ihnen schwer. Hält dieser Zustand an, handelt es sich hierbei um eine postpartale Depression.

Trauer, Desinteresse, Schuldgefühle

„Man legte dich auf meine Brust, damit ich weiß, dass ich dich immer lieben muss.
Sie reden von Magie und diesem einem Moment, dessen Schönheit ich nicht erkenn.
Ich fühl mich leer, ohne Kraft und ohne Perspektive. Es gibt tausend Gründe, traurig zu sein, aber wegen seinem eigenem Kind? Das kann nicht sein ..“

„Aber du hast dich doch für das Kind entschieden!“

Natürlich. Ich wusste aber nicht, wie ich mich danach fühlen würde. Ich fühlte mich von der Natur betrogen. Betrogen um das Glück, das eine Mutter für ihr Baby empfindet.
Rational erklärbar sind meine Gefühle nicht, aber sie sind da. Und ich bin ihnen ausgeliefert.
Man kann alles im Leben bereuen, aber das Muttersein, das darf man nicht bereuen.
Die Fassade der glücklichen Mutter muss glänzen. Also polieren wir sie.

Die Vorboten:

Schon in der Schwangerschaft hat mir der Bezug zu meinem Kind gefehlt. Ich habe nie über meinen Bauch gestreichelt und mit ihr geredet. Ich fand das komisch, mit jemand zu reden, der mir gar nicht antworten kann. Natürlich habe ich Bauchbilder für meine Freundinnen gemacht, aber danach war mir der Bauch wieder herzlich egal.
Ich weiß nur, dass mein Freund sich gefreut hat und ich hatte das Gefühl, mich auch freuen zu müssen.

Phase 1: Einsamkeit

Ich habe mich mit meinem Kind zusammen immer einsam gefühlt. Mein Freund hat alles lieber gemacht, als sich um unser Kind zu kümmern. Sie wurde meine einzige Aufgabe.
Aber ich hatte keine Lust, mich mit ihr zu beschäftigen, keinen Antrieb, keine Freude. Oftmals lag ich stundenlang im Bett und habe mir das Ende dieser ständigen Verpflichtung gewünscht. Irgendwann gab es uns nur noch als Kollektiv, ich hatte meine Identität über das Muttersein verloren. Das machte mich todunglücklich.

Phase 2: Anpassungsschwierigkeiten

Alles war mit Kind plötzlich eine große Herausforderung und ich habe mich keiner einzigen gewachsen gefühlt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie ich mit dem Kinderwagen die Rolltreppe im Einkaufscenter hochkommen soll und wie ich beispielsweise aufs Klo gehe, wenn ich mein Kind dabei habe. Der Kinderwagen ist zu groß für die Kabine und draußen stehen lassen geht auch nicht. Diese Fragen machten mir Angst, also blieb ich meistens zuhause, weil ich mich dort sicher fühlte. Oft verließ ich mit Kind das Haus nur in Begleitung. Fassade polieren.

Phase 3: Das Kind als Fremdkörper

Sobald mein Kind wach war, habe ich auf das Schlafengehen gewartet.
Meine einzigen Ziele waren es, sie pünktlich zur Kita zu bringen und wieder abzuholen.
Ich habe oft resigniert am Küchentisch gesessen, und einen Kaffee nach dem anderen getrunken. Ich wusste nichts mehr mit mir anzufangen. Ich konnte es nicht ertragen, wenn sie mir an den Haaren zog, oder mir etwas aus der Hand riss. Ich hatte aber auch keine Kraft, mich durchzusetzen. Deswegen habe ich sie heimlich zwei Jahre gestillt.
Ich wusste auch nicht, wie ich sie sonst hätte zum Schlafen bringen sollen.
Wenn sie schlief, dann war alles gut.

Phase 4: Verzweifelt und leer

Ich habe immer gehofft, dass das mal jemand sieht. Das tiefe Loch, indem ich mich befinde.
Aber es hat niemand gesehen. Nicht meine Eltern, nicht meine Freunde, nicht der Junge, den ich gedated habe, der mir unterbreitete, dass er kein Vater seien könnte. „Und ich keine Mutter“, habe ich mir gedacht und mich dabei wahnsinnig schlecht gefühlt. Genau deswegen konnte ich auch nie wirklich mit jemand darüber reden. Manchmal, wenn ich es versucht habe, kassierte ich skeptische Blicke: „Aber du liebst dein Kind doch, oder?!“
Die ganze Überforderung, die ich spürte, gipfelte in einem vagen Suizidgedanken: „Wenn ich mich umbringe, dann muss sie einer von euch nehmen und ich bin es dann nicht.“
Die Verzweiflung sprach aus mir.

Phase 5: Ich will mein Leben zurück

Meine beste Freundin hat mir sehr geholfen, indem Sie mir klar gemacht hat, dass ich mit den Leuten reden muss. Sonst kann niemand die Situation richtig einschätzen und sehen, wie schlecht es mir wirklich geht.
Ich wusste nicht, was ich machen soll, aber ich wusste, dass die Situation nicht so bleiben kann. Ich hörte täglich, wie das gesellschaftliche Mutterbild in meinem Kopf mit meinem realen Ich kollidierte. Ich ertrug es nicht.
Ich habe meine Mutter gefragt, ob sie meine Tochter öfter nehmen kann, weil ich weiß, dass meine Mutter eine gute Mutter ist. Und ich habe endlich mit außenstehenden Personen geredet, die mir Mut gemacht haben und mir das Gefühl gaben, nicht verrückt zu sein.

Phase 6: Es geht bergauf

Ich hatte etwas Zeit, um zu realisieren, dass ich ein Bindungsproblem habe. Etwa 30 Prozent aller von einer postpartalen Depression betroffenen Frauen, entwickeln durch die psychische Belastung eine Bindungsstörung.

Zu oft habe ich meinem Kind die Schuld an meinen Gefühlen gegeben. Dabei kann sie am wenigstens dafür. Sie kann nichts dafür, dass ich damals ihrem Vater geglaubt habe, als er gesagt hat: „Wir schaffen das zusammen“ und das ich dann doch alleine war. Sie kann nichts dafür, dass manche junge Männer sich ungerne auf eine Frau mit Kind einlassen wollen.

Was ich sagen will, ist, dass es viele Gründe gibt, die einen an diesen Punkt führen.
In meinem Fall vor allem mangelnde Unterstützung.
Aber es gibt nur einen Weg hinaus: Sich Hilfe zu suchen und darüber zu reden.

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Über Sabine Engels

Die 4-fache Mutter ist eine echte Expertin auf dem Gebiet Muttersein und unterstützt unsere Leserinnen regelmäßig mit hilfreichen Tipps und Infos. Einmal die Woche nimmt sie sich die Zeit, um mit ihrem Mann Salsa tanzen zu gehen. Aber ihr Highlight ist der jährliche Sommerurlaub in Spanien mit der ganzen Familie.

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